Tödlicher Fehler in der Leitstelle?
14 Dezember, 2007
So titelte auch das Solinger Tageblatt bei seinem ersten Bericht. Hier die Chronik eines Falles, der ordentlich Wellen bei Politik, Presse, Bevölkerung, Feuerwehr und Rettungsdienst schlägt und die Gesundheit der Leistellenmitarbeiter auf’s Spiel setzt.
Begonnen hatte alles damit, dass ein Angehöriger sich an die Presse wandte. Sein Vater habe am 7 Oktober diesen Jahres an Atemnot gelitten, nach einem Notruf habe es aber 40 (!) Minuten gedauert bis der Rettungswagen vor Ort gewesen sei. Sein Vater, der an Leukämie litt, sei zwischenzeitig komatös geworden und Montags darauf verstorben.
Den zweiten Artikel des Falles betitelte das Solinger Tageblatt dann mit “Trotz Notfall: Patient wartet 45 Minuten - Führung räumt “bedauerlichen Fehler” eines Beamten in der Leitstelle ein”. Hierzu sei gesagt dass dieser Fehler sicherlich mehr als bedauerlich ist, aber wo Menschen arbeiten passieren auch Fehler. Leider bedeutete dieser Fehler auf tragische weise den Tod eines Menschen. „Wenn das Vertrauen weg geht, dann sollte man das, was am frühen Morgen des 7. Oktober passiert ist, öffentlich machen.“, sagte der junge Mann, dessen Vaer verstorben ist gegenüber dem Solinger Tageblatt.
Zur Chronik des Falles:
Um 3.45 Uhr erfolgte ein erster Anruf über die Notrufleitung auf der Leitstelle in Ebersfeld. Die Anruferin wies in der neuen gemeinsam Leitstelle von Feuerwehr und Rettungsdienst auf die Dringlichkeit hin, so der Sohn. Weitere telefonische Nachfragen um 4.11 Uhr und 4.30 Uhr der Frau auf der Leitstelle wurden mit mit der selben Antwort quittiert: Ein Fahrzeug sei unterwegs. Als der RTW dann nach 45 Minuten eintrifft, fällt der 71 jährige Familienvater vor den Augen der Rettungsassisten in’s Koma und muss noch zwei mal reanimiert werden. Erst 20 Minuten nach dem RTW trifft der Notarzt ein. Schwerwiegende Verzögerungen, die zum Tod des 71 jährigen führten. Er verstarb Montags in der Klinik.
Daraufhin entschloss sich die Familie mit Hilfe der “Bürgerschafft für Solingen“, kurz BfS, den Fall zu veröffentlichen. Der Sohn trat an die Presse heran. BfS Mitglied Werner Zinndorf, selber Feuerwehrbeamter im Ruhestand, sagte gegenüber des Solinger Tageblatt: „Hier muss man über ein Organisationsverschulden nachdenken“ Solingens Feuerwehrchef Frank Michael Fischer:„Hier ist einem sehr erfahrenen Beamten in der Leitstelle ein bedauerlicher Fehler passiert, der weder mit der Technik noch der Organisation der Leitstelle zu tun hat“ und sein Kollege aus Wuppertal, Siegfrid Brütsch, stellen sich den Vorwürfen der BfS.
Fehler in der Abwicklung
Brütsch führte aus, dass der Tod nicht mit dem verspäteten eintreffen der Rettungskräfte zu tun habe, dies hätte eine Aufarbeitung ergeben. Brütsch weiter: „Der Leitstellenbeamte hat – wie die Beamten in der Leitstelle es bei jedem Notruf machen – durch gezieltes Nachfragen den Eindruck gewonnen, dass es sich um einen Krankentransport handelt, nicht um einen akuten Notfall.“ Brütsch nahm seinen Mitarbeiter in Schutz, auch nach hören des Mitschnitts wurde sein Eindruck gefestigt, der Leitstellendisponent habe richtig gehandelt.
Der zuständige RTW führte zur Zeit des ersten Anrufes einen Transport in eine Klinik durch, deswegen wurde der Einsatz mit dem nun verstorbenen vorgemerkt. Beim zweiten Anruf kamen einige Missverständnisse auf, die erst mit dem dritten Anruf auffielen. Der erste Disponent telefonierte mit der Frau des 71 jährigen Leukämiekranken, der andere Disponent hatte ein Gespräche mit dem RTW, der angab den Patienten wieder dringend in das Altenheim zurückbringen zu müssen. Dies deutete der Disponent so, dass der RTW nun zu der Atemnot fahre, allerdings habe der Disponent den aktuellen Status des RTW übersehen, so Feuerwehrchef Fischer in seinen Ausführungen.
Weitere Vorwürfe
Im dritten Artikel des Solinger Tageblatt wurden nun nicht nur Feuerwehrchef Frank Michael Fischer weitere Vorwürfe gemacht, sondern nun auch dem Ordnungsdezernenten Ralf Weeke. Die zwei Beamten die den Leitstellendienst in besagter Nacht verrichtet hätten, wären nicht qualifiziert gewesen. Die notwendige Ausbildung zum Gruppenführer und die geforderte Ausbildung für Leitstellenbeamte. Dem entgegnete Fischer: Beim Wuppertaler und beim Solinger Kollegen ist die Ausbildung zum Disponenten vorhanden, nur beim Kollegen aus Solingen fehle die Ausbildung zum Gruppenführer. Trotzdem sind beide sehr erfahrene Kräfte. Desweiteren waren im benachbarten Ruheraum drei weitere Kollegen, so auch der Schichtführer, diese hätten alle dazugerufen werden können.
Pikanter Austritt aus der BfS
Der Leiter der Leitstelle verließ die BfS, so das Solinger Tageblatt in seinem vierten Bericht. Harald Zimmermann, der ursprünglich beigetreten war weil die Bürgerschaft gegen die Zusammenlegung der Leitstellen Solingen und Wuppertal kämpfte. Trotz seiner Aktivität bekam Zimmermann den Job auf Grund seiner Kompetenzen. Den Austritt begründete seinen Austritt damit, dass er sich nicht mehr mit der BfS identifizieren könnte. Diese würden aus dem Fall ein Politikum machen und auf dem Rücken seinen Mitarbeiter austragen.
Eskalation und weitere Vorwürfe
“Die Drucksache 3122 hat es in sich.”, so die Einleitung des fünften Artikel aus dem Tageblatt. Ordnungsdezernent Weeke kritisierte in dem Schreiben die BfS scharf, die Feuerwehr würde “diskreditiert”. Die Feuerwehr sprach von einer Kommunikationspanne, während die BfS dies anders darstellte. Ein bislang nicht gekanntes Negativniveau sei eingetreten, eine “Grenzüberschreitung”. Und Weeke schoss nach: Der Titel einer BfS-Pressemitteilung, die das Zitat „Gauner muss man Gauner nennen“ enthalte, wirke wie eine „tragische, aber verspätete Selbsterkenntnis“ der BfS-Verantwortlichen.
Vereinschef Bender wies die Vorwüfe zurück. Es hätte keine “Ausschlachtung” dieses so tragischen Vorfalls gegeben. Die Familie hätte die Veröffentlichung gewollt - und gegen Ordnungsdezernenten Weenke merkte er an: “Die BfS mache aber keine Politik gegen, sondern für die Feuerwehrbeamten.”. Bender gegenüber dem Solinger Tageblatt weiter: „Für einen Wahlbeamten ist sein Verhalten gegenüber den BfS-Ratsmitgliedern inakzeptabel.“ Außerdem kam herraus: Die Disponenten hätten am 15 November für eine halbe Stunde den Betrieb per Hand erledigen müssen. Die Panne kam durch Wartungsarbeiten zu stande.
Feuerwehrbeamte sollen gehört werden
Im sechsten Bericht ging das Solinger Tagblatt nun auf den Vorschlag der Linkspartei ein. Ein Feuerwehrbeamter habe im Leserforum um Hilfe gerufen. Um der Sachlichkeit willen, soll eine Personalversammlung stattfinden, so Gerd Schlupp, Parteisprecher der Linkspartei. Dabei soll auch über die abgeschlossene Zusammenlegung der Leitstellen gesprochen werden.
Stimmungsumschwung in der Bevölkerung
Im aktuellsten Artikel berichtet das Solinger Tagblatt nun darüber dass der Feuerwehr enormer Schaden drohe. Die Zuverlässigkeit und das Vertrauen seien in Frage gestellt. Die Rettungskräfte würden seltener mit offenen Armen empfangen als früher. Es wirke als würde man auf Fehler in der Bevölkerung nur warten, ein starker Stimmungsumschwung sei eingetreten, so Michael Einhoff von der Feuerwehr Solingen und Leiter der Feuer- und Rettungswache II. Seine Kollegen würden statt mit einem “Gut dass sie da sind.” mit den Worten “Wo bleiben sie denn?” begrüßt. Auch die Disponenten blieben nicht verschont. “Wenn sie nicht schnell genug da sind, stehen sie morgen in der Zeitung!”. Der psychische Druck hat massive Auswirkungen. In einem Leserbrief an das Solinger Tageblatt schrieb ein Leitstellenmitarbeiter der Druck würde ihn dazu zwingen Tabletten zu nehmen, sonst wäre er dem Druck nicht mehr gewachsen. Einhoff appeliert an den Rat: “Tragen sie ihre Schamützel nicht auf unserem Rücken aus. Das schadet unserem Ruf und unserer Arbeit.”
29 Februar, 2008 at 10:18
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