Kreis Minden-Lübbecke/NRW - Jeder Tag ist anders. Nicolai Kawalun (29) und Patrick Nahmmacher (26) wissen nicht, was sie erwarten wird, wenn sie zur Arbeit kommen. Genau das reizt die beiden Männer an ihrer Aufgabe. „Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag im Büro zu sitzen“, sagt Nahmmacher. Beim Rettungsdienst des Kreises Minden-Lübbecke haben Nahmmacher und Kawalun einen spannenden Beruf mit immer neuen Herausforderungen gefunden.
Foto: Michael Johannsmeier

Routine ist eigentlich nur der Start in den Arbeitstag. Wenn die Schicht in der Rettungswache beginnt, überprüft die neue Mannschaft als erstes ihre Fahrzeuge und die Ausrüstung. Schließlich gibt es kaum etwas Schlimmeres, als am Einsatzort festzustellen, dass etwas Wichtiges fehlt oder ein Gerät defekt ist. Nach der Überprüfung kann es losgehen.

Zwischendurch müssen die Fahrzeuge gereinigt und desinfiziert, Lagerbestände aufgefüllt oder Einsatzberichte geschrieben werden. Wobei auch diese Arbeiten immer wieder durch Einsätze unterbrochen werden. Jederzeit können die Retter zu einem Herzinfarkt-Opfer, einem Sportverletzten oder einem Verkehrsunfall gerufen werden.

„Man muss sich auf jede Situation neu einstellen“, berichtet Nicolai Kawalun, „jeder Patient ist individuell, kaum ein Einsatz läuft nach Schema F ab.“ Als Rettungsassistent weiß man nie so genau, was kommt, nachdem der Alarmgong ein Notfallteam zum Einsatz gerufen hat. „Wir haben eine große Eigenverantwortung und arbeiten sehr selbstständig“, erklärt Patrick Nahmmacher. Eine vielfältige Aufgabe, die eine gute Ausbildung, einen klaren Kopf und starke Nerven erfordert.

Nahmmacher wollte ursprünglich Informatik studieren. Als Zivildienstler kam er zur Rettungswache Rahden. „Und dort habe ich Blut geleckt“, sagt der 26-Jährige. Nahmmacher hängte die Studienpläne an den Nagel, behielt die rot-weiße Uniform an und absolvierte die zweijährige Ausbildung zum Rettungsassistenten. Einen anderen Beruf kann sich der Rahdener nicht mehr vorstellen. „Reich wird man hier natürlich nicht“, frozzelt er, „aber es macht unheimlich viel Spaß, man arbeitet im Team und hat viel mit Menschen zu tun.“

Teamarbeit - im Rettungsdienst geht es nicht ohne. Die Kollegen müssen sich gut kennen, absolut eingespielt sein und sich voll aufeinander verlassen können. Am Einsatzort ist schließlich keine Zeit, um zu diskutieren und zu planen. Jeder Handgriff muss sitzen, jede Entscheidung schnell getroffen werden. Die Rettungsassistenten haben große Verantwortung, von ihrem Fachwissen hängen Tag für Tag Menschenleben ab.

Kein Wunder, dass regelmäßig Fortbildung auf dem Dienstplan steht. „Das ist unverzichtbar, denn wir müssen immer auf dem neuesten Stand sein“, betont Rolf Schöphörster, Leiter der Rettungswache Lübbecke. Neue medizinische Erkenntnisse sollen möglichst zügig in die Praxis umgesetzt, vorhandenes Fachwissen aufgefrischt und ergänzt werden. Auch das gehört zu den Herausforderungen des Berufs.

Krankenpfleger ist der Job, den Nicolai Kawalun ursprünglich angepeilt hatte. Der Nettelstedter sattelte um, ließ sich zum Rettungsassistenten ausbilden und arbeitet seit sechs Jahren in der Rettungswache Lübbecke. Warum gerade dieser Job? „Die Frage stellt sich gar nicht“, erklärt Kawalun. Auch der 29-Jährige hat seine Berufung darin gefunden, Menschen in Notsituationen zu helfen.

Steigt der Adrenalinpegel, wenn der Alarmgong zum Einsatz ruft? „Am Anfang ja“, berichtet Nicolai Kawalun, aber man wird schnell abgebrühter.“ Alle beeilen sich, aber blinde Hektik ist im Einsatz genau das Falsche. „Auf der Alarmfahrt heißt die Devise für uns: zügig, aber auch sicher“, erklärt Patrick Nahmmacher, „wenn wir unterwegs verunglücken, hat niemand etwas davon.“

Am Einsatzort warten vielfältige Aufgaben auf das Rettungsteam. Der Patient muss untersucht, eine die richtige Behandlung eingeleitet, aufgeregte Gemüter beruhigt werden. Bei schweren Fällen übernimmt der Notarzt die Regie, viele Entscheidungen müssen die Rettungsassistenten ansonsten selbst treffen. Anders als früher werden die Patienten nicht einfach ins Krankenhaus abtransportiert, sondern schon am Einsatzort untersucht und behandelt.

Die Arbeit hat auch eine psychologische Dimension. Einfühlungsvermögen ist gefragt, aber auch die Fähigkeit, mit schlimmen Erfahrungen und schrecklichen Bildern fertig zu werden. „Mit der Zeit gewöhnt man sich an vieles“, findet Patrick Nahmmacher. Im Einsatz, ergänzt Nicolai Kawalun, ist sowieso keine Zeit zum Nachdenken oder gar Grübeln: „Sonst könnte man sich auch nicht auf seine Arbeit konzentrieren.“ Nachher hilft meistens etwas Ruhe, ein Gespräch mit Kollegen, ein makabrer Scherz, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. „Die Kollegen sind wichtig“, berichtet Nahmmacher, „denn wenn man zu viele Dinge mit nach Hause nimmt, dann belastet es da auch.“

Erfahrene Retter bleiben meistens ruhig. Wobei auch Nahmmacher und Kawalun immer wieder Situationen erleben, die ihr Blut in Wallung bringen. Zum Beispiel dann, wenn ein Einsatzort nicht auf Anhieb zu finden ist. „Es ist einfach wichtig, eine möglichst genaue Ortsangabe zu machen, wenn man einen Notruf absetzt“, betont Kawalun. Gut sichtbare Hausnummern und ein Einweiser an der Straße, der den Rettern den Weg zeigt, helfen wertvolle Zeit zu sparen. Und damit vielleicht ein Leben zu retten

Hintergrund:
Der Rettungsdienst gehört zu den Pflichtaufgaben des Kreises. Er selbst betreibt die Rettungswachen in Lübbecke, Rahden und Stemwede sowie gemeinsam mit dem Roten Kreuz in Petershagen. In Minden, Porta Westfalica und Bad Oeynhausen kümmern sich die städtischen Feuerwehren um den Rettungsdienst. Alle Notrufe über die 112 landen bei der Rettungsleitstelle in Minden, die die dortige Berufsfeuerwehr im Auftrag des Kreises betreibt.

Michael Johannsmeier| Wochenanzeiger Herford

One Response to “Reportage: Routine ist im Rettungsdienst ein Fremdwort”

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