Schwerin/MV - Die 13 Jahre alte Jessica aus Thüringen ist akut an Meningitis erkrankt und muss dringend in eine Klinik gebracht werden. Der Notarztwagen ist schnell vor Ort, doch dann beginnt eine über zwei Stunden dauernde Odyssee durch Thüringen und Sachsen. Vier Krankenhäuser weisen die Rettungswagen-Besatzung ab. Als das Mädchen in der fünften Klinik mit freien Kapazitäten aufgenommen wird, ist es zu spät. Jessica stirbt. Dieser tragische Fall, der sich im Mai 2004 ereignete und bei dem die Verantwortlichkeit bis heute nicht geklärt ist, hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Leitstelle kann schneller reagierenAuch der Schweriner Informatiker Andreas Scher hatte diesen Fall im Hinterkopf, als er gemeinsam mit dem Ingenieur Gerd Bockisch der Bitte des Rettungsdienstes in Westmecklenburg nachkam, die Suche nach freien Krankenhausbetten zu erleichtern. Den Anstoß dazu gab der G8-Gipfel im vorigen Jahr und die damit verbundene Frage, was im “Großschadensfall” zu tun sei, so Scher. Denn bis dahin sah die Praxis so aus, dass die alarmierte Leitstelle bei Unfällen mit mehreren Schwerverletzten die Klinik-Kapazitäten in der Region per Fax und Telefon abfragen musste. Mit dem neuen Programm “kameei” kann der Diensthabende in der Leistelle dagegen jederzeit die verfügbaren Betten und Behandlungsmöglichkeiten im Online-Verfahren erkennen und schneller reagieren, wie Scher erläutert. Und: Das System hilft nicht nur im Katastrophenfall, sondern auch im Rettungsdienst-Alltag bei Verkehrsunfällen mit mehreren Verletzten.

“Das ist ein deutlicher Fortschritt”, bestätigt Jörg Allrich, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Westmecklenburg. Der Transport gehe schneller, Patienten und Rettungskräften blieben Umwege erspart. Das habe sich bereits kurz nach Einführung des Probetriebes im Herbst vergangenen Jahres bewährt, sagt Allrich. Dabei verweist er auf einen Verkehrsunfall auf der Insel Poel, bei dem zwei Mädchen schwer verletzt wurden. Durch “kameei” habe die Leitstelle beim Blick auf den Monitor sofort erkannt, dass jeweils in Schwerin und Rostock zwei Intensivplätze frei waren, die umgehend vom Rettungshubschrauber angeflogen werden konnten. Auch für die Kliniken sei das Online-Verfahren von Vorteil, um Überlastungen zu vermeiden, meint Allrich.

Andere Bundesländer bekunden InteresseBislang haben alle Kliniken in Westmecklenburg signalisiert, das System nach dem Probebetrieb beibehalten zu wollen, wie Wolfgang Gagzow, Chef der Krankenhausgesellschaft in MV, berichtet. Ihr Aufwand hält sich in Grenzen: Etwa zweimal täglich müssen sie den aktuellen Kapazitätsstand in das System einspeisen, das einfach zu handhaben ist. “Eine kleine Seite mit dramatischer Wirkung”, meint Gagzow. Alle Beteiligten könnten wertvolle Zeit sparen, allen voran die Patienten.

Geplant ist deshalb, “kameei” auf ganz Mecklenburg-Vorpommern auszuweiten. Auch andere Bundesländer wie Brandenburg, Thüringen und Schleswig-Holstein hätten schon Interesse an der Innovation aus Westmecklenburg bekundet, so Gagzow. Mit Perleberg in Nordbrandenburg werde bereits eine Partnerschaft aufgebaut, weil Patienten von dort oftmals nach Ludwigslust oder Schwerin gebracht würden.

Der Tod von Jessica - er hätte auch mit dem herkömmlichen Verfahren nicht passieren dürfen. Gagzow ist jedoch überzeugt, dass das neue System dabei helfen wird, solche Fälle in Zukunft zu vermeiden.

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