Ein Toter, ein Schwerverletzter - die Mutprobe hat einen schrecklichen Ausgang genommen. Beim „Surfen“ auf einem Eisenbahnwaggon in Fulda kamen in der Nacht zwei junge Männer mit einer Starkstromleitung in Berührung. Mit schwersten Verbrennungen liegt der Überlebende, ein Zwanzigjähriger, im Klinikum Fulda und soll jetzt so schnell wie möglich in die Verbrennungsstation am Städtischen Krankenhaus in Offenbach gebracht werden. Erster Einsatz für „Christoph 28“ an diesem trüben Tag.Der gelbe Rettungshubschrauber ist in diesem Fall das beste Transportmittel, besser als ein Krankenwagen, der mindestens eineinhalb Stunden bis Offenbach brauchte - ganz abgesehen von der schmerzhaften Schaukelei, die bei einem Transport auf der Straße nicht zu vermeiden ist. Allerdings darf „Christoph 28“ erst abheben, wenn es draußen hell geworden ist. Dank eines GPS-Navigationssystems können sich die Piloten zwar auch nachts orientieren. Doch zu Rettungsflügen dürfen die Helikopter nur aufbrechen, wenn die Piloten Einsatzorte und Landeplätze mit bloßen Augen erkennen können.

Anzeige
AdTagV3(’468′,’60′,’100′,’BANNER’);

Gegen 10.30 Uhr ist „Christoph 28“ aus Offenbach zurückgekehrt. Jetzt warten Pilot Klaus Schreiber, Notarzt Carsten Dittmann und Rettungsassistent Marco Storch im Aufenthaltsraum des neuen Fuldaer Rettungszentrums auf den nächsten Ruf. Bei blutigen Einsätzen mit Schwerverletzten müsse ein Helfer einfach funktionieren, sagen sie. Die Gefühle dürften erst hinterher kommen. „Man weiß nie, was auf einen zukommt“, sagt Dittmann - da schrillt auch schon sein Piepser. „Verdacht auf Herzinfarkt“, meldet die Notfall-Zentrale. Schnelle Hilfe ist gefragt, Infarkt-Patienten schweben häufig in höchster Lebensgefahr, es kommt auf Minuten an.

Eigentlich ein typischer Fall für „Christoph 28“ und sein Team. Aber in diesem Fall kann der Hubschrauber nicht die schnellste Lösung sein, denn der Notruf kam aus dem Fuldaer Stadtgebiet, da ist ein Rettungswagen die bessere Wahl. Notarzt Dittmann eilt die Treppe hinunter ins Erdgeschoss: Im Notarztwagen entschwindet er samt Sanitäter in Richtung Stadt.

Die Entscheidung, welches Rettungsmittel eingesetzt wird, Hubschrauber oder Rettungswagen, fällt der Disponent in der 110-Notrufzentrale. Er muss aus den Angaben der meist aufgeregten Anrufer eine Ferndiagnose erstellen und dann die entsprechenden Einsatzbefehle geben. „Einsatz für Christoph 28“, meldet er um 11.35 Uhr ins Rettungszentrum. Ausgerechnet jetzt, da der diensthabende Notarzt unterwegs ist.

Doch der Rettungsdienst in Fulda hat auch einen solchen Fall eingeplant, ein zweiter Notarzt steht immer in Reserve und kann sofort aus der Klinik abgezogen werden. Andreas Patko steigt in den Hubschrauber ein, setzt sich den Helm auf und schnallt sich an. Zwei Minuten nach Eintreffen des Einsatzbefehls hebt „Christoph 28“ von seiner Plattform ab und fliegt Richtung Norden davon. Ziel sei die Gemeinde Burghaun, Ortsteil Langenschwarz, meldet die Zentrale über Funk und gibt die genaue Adresse an. Es geht um ein Kind mit einem starken Krampf.

„Christoph 1“, der erste deutsche Rettungshubschrauber, den der ADAC vor 38 Jahren in München in Dienst stellte, wäre damals wegen eines solchen Notfalls nicht aufgestiegen. In den Anfangsjahren der Luftrettung konzentrierte man sich wegen der hohen Todesrate auf Verkehrsunfälle. Nach und nach erkannten die Organisatoren, dass Rettungshubschrauber auch in anderen Notfällen Vorteile bieten, Schritt für Schritt wurde das mittlerweile flächendeckende Netz von Luftrettungsstationen aufgebaut.

Wichtigster Träger der Luftrettung ist der ADAC mit 27 Stützpunkten, dazu kommen Stützpunkte des Bundesinnenministeriums und der Deutschen Rettungsflugwacht. Seit Gründung der Luftrettung kam es in Deutschland zu mehr als 1,2 Millionen Rettungsflügen, mehr als 850.000 Menschen bekamen von den „Christoph“-Teams Erste Hilfe. Die Kosten der Lufteinsätze übernehmen mittlerweile die Krankenkassen, die Luftrettung ist eine reguläre Hilfsleistung, auf die jeder im Notfall einen Anspruch hat.

Über Wälder und Berge fliegt „Christoph 28“ Richtung Langenschwarz, nach fünf Minuten schwebt die Maschine über dem 25 Kilometer von Fulda entfernten Ort. Zwei Personen sind vor einem Haus zu sehen: „Das muss es sein“, ruft Rettungsassistent Storch. Pilot Schreiber hat sich schon einen Platz zum Landen ausgesucht, eine Wiese am Dorfrand. Dort steht ein Auto bereit, um Notarzt und Assistenten samt ihren Notfallrucksäcken abzuholen. Am Steuer ein Kollege, der Rettungsassistent Klaus Semmler. Er wohnt in Langenschwarz und hat - in seiner Freizeit - ebenfalls den Notruf erhalten.

Im Rettungswesen entscheiden zuweilen Minuten über Leben und Tod. Je schneller ein Notarzt an Ort und Stelle ist, desto höher sind vor allem für Patienten mit Schlaganfällen oder Infarkten die Überlebenschancen und desto geringer die Dauerschäden. Wichtigste Aufgabe des Rettungshubschraubers ist es denn auch, so schnell wie möglich einen Arzt herbeizuschaffen. Der Transport von Patienten steht erst an zweiter Stelle. In vielen Fällen fliegt die Maschine ohne Patient zurück, weil der Notarzt dessen Transport in einem Rettungswagen angeordnet hat: Im Wagen hat der Mediziner

Der Kollege Semmler als Ein-Mann-Empfangskomitee ist nicht die einzige Überraschung, die das Team in Langenschwarz erwartet. Als Notarzt Patko im Haus mit dem kleinen Patienten ankommt, hat ein sogenannter Ersthelfer den vier Jahre alten Jungen, dessen Atemtätigkeit bei einem Krampfanfall ausgesetzt hatte, längst beatmet. Der Notarzt untersucht das Kind, muss aber keine Medikamente mehr verabreichen. Dieser Einsatz war die Bewährungsprobe für jene Gruppe von „Ersthelfern“, die Semmler vor einiger Zeit im Ort gegründet hat und deren Mitglieder über Piepser am Notruf-Netz hängen. Ihre Aufgabe ist es, Erste Hilfe zu leisten, bis ein Rettungswagen oder Hubschrauber einen Arzt gebracht hat. Das „Ersthelfer“-System steckt in Deutschland allerdings noch in seinen Anfängen.

Der Krampfanfall des Jungen hat sich längst gelöst, jetzt schläft er den Schlaf der Erschöpfung. Der Vater trägt das Kind auf seinen Armen in den mittlerweile eingetroffenen Rettungswagen. Zusammen mit der Mutter wird der Fahrer den Jungen ins Klinikum Fulda bringen. Auch Notarzt Patko steigt ein, obwohl der Junge eigentlich außer Gefahr ist. Doch sicher ist sicher. Währenddessen hebt „Christoph 28“ mit Pilot Schreiber und Rettungsassistent Storch an Bord wieder von der Wiese am Rand von Langenschwarz ab. Sie müssen schnell zurück zur Rettungsstation in Fulda. Der nächste Einsatz kommt bestimmt.

One Response to “Reportage: Halbgötter in Gelb”

  1. Kollege S. Says:

    Ähm, der Disponent unter 110 entscheidet über den RTH-Einsatz? Ts, die FAZ ist auch nicht mehr das, was sie mal war…

Leave a Reply